„Man muss erst einmal zuhören und fragen und reden.“

Wenn Helmut Schmidt sich zu aktuellen politischen Debatten äußert, tut er dies immer mit mit Überlegung. Und es lohnt es sich immer, über seine Argumente nachzudenken. Besonders dann, wenn sie so klar, eindeutig und offensichtlich sind wie dieses: „Man muss erst einmal zuhören und fragen und reden.“

Schmidt ist in Deutschland eine moralische Instanz. Aus einem einfachen Grund: Er hat meistens Recht. So auch in dieser unsäglichen Debatte um Sarrazin. Nachzulesen in einem Interview in der ZEIT.

Für mich sind die Thesen von Thilo Sarrazin nicht der Skandal, auch wenn ich die meisten abstrus finde. Ich finde es furchtbar, wie die Medien und ihre Meinungsmacher die Sarrazinschen Provokationen mit einem ekelhaften moralischen Betroffenheitsjournalismus derart hochgepuscht haben. Ich finde es in höchstem Maße bedenklich und gefährlich, wenn Politiker aus allen Parteien bis zum Bundespräsidenten sofort nach Rauswurf aus Bundesbankvorstand und SPD rufen, ohne sich dem Thema und den Argumenten ernsthaft zu stellen. Da tut es gut, die nüchterne und treffende Analyse Helmut Schmidts zu lesen. Danke Helmut.

ZEITmagazin: Welchen Nerv hat Thilo Sarrazin getroffen?

Schmidt: Offenbar mehrere gleichzeitig. Einige davon sind Nerven einer bestimmten Gruppe von Leuten. Zum Beispiel gibt es unter den jüdischen Mitbürgern einige, die sich getroffen fühlen von einer nebenher gemachten Bemerkung über die jüdischen Gene. Aber das allgemeine Interesse hat mindestens zwei Wurzeln. Erstens: Die Sachverhalte, die er beschreibt, von denen er ausgeht und für deren Therapie er Vorschläge macht und aus denen er Schlussfolgerungen zieht, die werden von vielen Leuten in Deutschland ähnlich gesehen.

ZEITmagazin: Sie meinen die Defizite der Integration.

Schmidt: Ja; nicht alle seine sonstigen Äußerungen werden geteilt. Und das Zweite ist: Seine sonstigen Äußerungen haben viele Leute provoziert, vor allen Dingen die Presse und die politische Klasse. Die haben zunächst eine ziemlich konzentrische Verachtungs- und Verurteilungsattitüde entfaltet, bis sie gemerkt haben – die Journalisten zuerst –, dass wesentliche Teile des Publikums ganz anders denken. Und dann wurden sie nachdenklich. Es kommt ein Drittes hinzu: Dass seine Partei, der er 30 oder 40 Jahre angehört, die Sozialdemokraten, mit dem Gedanken umgeht, ihn aus der Partei rauszuschmeißen. Das finden viele Leute nicht in Ordnung.

ZEITmagazin: Und Sie?

Schmidt: Ich finde es auch nicht in Ordnung.

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